Über die Diskrepanz zwischen schreibendem Familienalltag und gesellschaftlicher Wahrnehmung – #mamaschreibt

Heute macht der Hashtag #mamaschreibt auf Twitter die Runde. Diese Social-Media-Aktion wurde von der Schriftstellerin Mikaela Sandberg initiiert. Unter diesem Hashtag will sie auf die Vorurteile aufmerksam machen, die die Gesellschaft in Bezug auf schreibende Mütter hat. Zusammen mit ihren schreibenden Kolleginnen Eva-Maria Obermann, Nike Leonhard und Elenor Avelle zwitschert sie heute Episoden aus ihrem ganz normalen Schreiballtag, welcher für sie Homeoffice mit Kind und Kegel bedeutet. Dahinter steht die Absicht, Interessierten Einblick in den oftmals mehr als chaotischen Arbeitsalltag freiberuflicher Schriftstellerinnen und Mütter zu geben, um mit Vorurteilen aufzuräumen, derer es leider eine Menge in der Gesellschaft gibt.

Während die von vielen Kolleginnen schon oft gehörte Bemerkung „Du kannst ja schreiben, während das Kind spielt!“, lediglich Realitätsferne für das Verständnis von Fokus und Konzentration im Beisein von Kindern suggeriert, dürfen viel zu viele unserer Kolleginnen sich herabwürdigende Kommentare in Bezug auf den Wert und den Status ihrer eigentlichen Tätigkeit, eben dem Schreiben selbst, anhören. Anmerkungen wie „Na, du schreibst doch eh nur, bis du wieder eine richtige Arbeit findest!“, „Schreiben ist doch ein nettes Hobby neben der Familie!“ oder „Als Hausfrau hast du dafür ja auch Zeit!“ machen deutlich, wie wenig Wertschätzung Mütter erfahren, die Angehörigen und Freunden offenbaren, dass sie schriftstellerisch tätig sind. Fühlt sich die Mutter durch diese herabsetzenden Äußerungen noch nicht degradiert genug, versucht gar, ihre Arbeit und sich zu verteidigen, ist sich das Umfeld dann häufig nicht zu schade, die Geldkeule herauszuholen, um damit jeglichen Ambitionen der Frau, schreibend ihr eigenes Geld zu verdienen, von vornherein den Garaus zu machen. „Geld verdienen lässt sich damit aber nicht, das weißt du?“ als erste wohlmeinende, subtile Anmerkung, gefolgt von geradezu beleidigenden, direkten Angriffen „Schämst du dich nicht, deinem Mann so auf der Tasche zu liegen? Geh doch mal was Richtiges arbeiten!“.

In dem Bemühen, Vereinbarkeit zwischen den ganz eigenen Bedürfnissen als Mensch – nämlich dem Wunsch nach kreativem Ausdruck, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung – und der Mutterrolle zu erzielen, wird der Frau von großen Teilen der Gesellschaft per se ein Fehlverhalten bescheinigt, das Seinesgleichen sucht. Egal, was die Mutter macht, sie scheint es nur falschmachen zu können. Entscheidet sie sich dafür, ausschließlich für die Familie da zu sein, keiner anderen Beschäftigung nachzukommen, ist sie ja nur eine Hausfrau (der Begriff „Hausfrau“ ist übrigens erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts derart negativ besetzt, zuvor war die Hausfrau eine hochgeschätzte Vorsteherin des Haushalts); hat sie den Anspruch, sich selbst auch noch etwas aufzubauen, an sich zu denken, gar eine schriftstellerische Karriere voranzutreiben, gilt sie für viele als realitätsfremd, egoistisch und vernachlässigt ihre familiären Verpflichtungen.

So ist es wenig verwunderlich, wenn Schriftstellerinnen wie Mikaela Sandberg die Hutschnur platzt und sie mit Kolleginnen unter #mamaschreibt auf die Diskrepanz zwischen schreibendem Familienalltag und gesellschaftlicher Wahrnehmung aufmerksam macht. Denn ebenso wenig wie wir Mütter im Kreißsaal den Verzicht auf Selbstbestimmung unterschrieben haben, haben wir dort eine Vereinbarung mit der Gesellschaft geschlossen, uns mit Geburt unserer Kinder herabwürdigend behandeln zu lassen.

Zwar mögen wir freiberuflich tätige, schreibende Mütter eine Menge gesellschaftlichen Gegenwind erhalten – der sich bei näherer Betrachtung häufig als Sozialneid auf unsere vermeintlich illustren Lebensumstände aka „Homeoffice“ entpuppt – dennoch werden wir nicht müde, unseren schreibenden Weg zu gehen und in dem uns ganz ureigenen Kokon „Familie“ die für alle Beteiligte bestmögliche Vereinbarkeit zu erzielen. Denn so seltsam es auch klingen mag: Kritik aus den eigenen Reihen ist selten. Vielmehr sind es Außenstehende, die Zweifel an diesem familiären Konstrukt äußern und deren Argumentation auf den oben genannten Vorurteilen basiert.

Wir alle wissen, welche Macht Worte haben und welchen Schaden sie anzurichten in der Lage sind. Bereits hier, im gesellschaftlichen Kreis der schreibenden Mütter, schaffen es diese – geäußert durch Bemerkungen, denen es an profunder Basis mangelt – ambitionierte Schriftstellerinnen einknicken und aufgeben zu lassen, weil sie selbst nicht mehr an ihren Erfolg glauben. Und viel schlimmer: Frauen, für die die Mutterschaft noch als Eventualität im Raum schwebt, wird leider erfolgreich suggeriert, dass Vereinbarkeit ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ja, es ist schwer, Vereinbarkeit zu erzielen. Unmöglich ist es allerdings auch nicht!

6 Kommentare

  1. Der Artikel ist sehr ansprechend, liebe Claudia!
    Bereits nach wenigen Zeilen fand ich direkt etwas, was auf mich und meine Situation passte.
    Es ist verdammt schwer, da nicht einzuknicken und an seinen Träumen zu arbeiten und sich fest zu klammern.
    Es ist schade, dass man schreibende Mütter mit solchen Sätzen kleinkriegt. Es ist nicht fair. Schließlich sind Mütter immer noch eigenständig denkende Menschen und haben das Recht, auch ihre Träume zu verfolgen. Es geht mit Kind und Kegeln. Ganz klar und das sollten so einige Kandidaten auch einsehen, bevor man den Müttern derartiges – wie oben im Text genannt – vor den Kopf geworfen werden.

    Danke für den tollen Beitrag! Damit hast du mich auf jeden Fall errreicht. Ich kämpfe dafür, mein Recht als Mensch und auch als Mutter durchzusetzen und meine Träume wahr werden zu lassen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

    Liebe Grüße

  2. Guten Morgen,

    Danke für den Artikel! Da versuchen wir Autorinnen in unseren Geschichten Klischees und Vorurteile abzubauen, werden aber in der Gesellschaft genau in diese Schublade verfrachtet.
    Ich habe mittlerweile gelernt, mir Schreibinseln zu bauen, damit ich Familie und Beruf unter einen Hut bekommen.

    Allen schreibenden Müttern einen erfolgreichen Tag

    Sandra-Maria

    • Liebe Sandra-Maria,

      Danke für deine Anmerkung. Ja, es ist ein gesellschaftliches Problem – allerdings liegt an uns, für eine andere Wahrnehmung zu sorgen. Sich eine Schreibinsel zu erschaffen ist eine gute Sache!

      Viel Freude beim Schreiben!
      Claudia

  3. Das gilt nicht nur für Mütter, sondern Frauen allgemein. Verständnis kommt da nur von anderen Frauen, die ebenfalls schreiben – ob sie nebenher Mutter sind oder anderer Arbeit nachgehen. Immer diese skeptischen Blicke. Deswegen erzähle ich kaum jemandem, was ich mache … Bis der erste Roman rauskommt!!! 🙂

    • Liebe Gerda,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann es gut nachvollziehen, dass du dein Schreiben erst einmal ganz für dich machen willst, weil du auf Skepsis keine Lust hast. Viele Frauen schreiben zuerst für sich und „wagen“ dann den Sprung an die Öffentlichkeit, wenn sie das Gefühl haben, auf einem soliden Fundament aus Worten zu stehen. 😉 Ich wünsche dir weiterhin viel Freude am Schreiben und viel Erfolg bei deiner zukünftigen Veröffentlichung!

      Herzliche Grüße,
      Claudia

  4. Pingback: Schreibleben kommentiert #mamaschreibt | Textflash - Mikaela Sandbergs unmögliche Autorenseite

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